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I Lowe You (karengajda)

Einmal im Jahr treffen sich die Mitglieder des Gemeinnützigen Vereins Lowe-Syndrom e.V. Es werden Informationen und Erfahrungen ausgetauscht und Spezialisten eingeladen, die zum Stand der Forschung oder zu wichtigen Aspekten der Krankheit berichten.

Am letzten Wochenende im Oktober dieses Jahres hatte ich die Ehre, als Dolmetscherin an diesem Jahrestreffen teilzunehmen. Als Gast war der Vorsitzende des spanischen Vereins, Dr. Manuel Armayones Ruiz von der Universität Oberta von Katalonien, eingeladen worden. Hauptthema war der Beitritt des deutschen Vereins zur Europäischen Lowe-Syndrom-Vereinigung.

Bei der Vorbereitung auf diese Aufgabe war mir ein wenig mulmig zumute. Ich hatte noch nie etwas vom Lowe-Syndrom gehört, geschweige denn mich mit der Thematik beschäftigt. Also machte ich mich kundig.

Ich suchte bei Wikipedia und landete schließlich auch auf der Seite des Vereins http://www.lowe-syndrom.de. Das Lowe-Syndrom ist eine genetische und daher vererbbare Erkrankung. Die Symptome erscheinen wie ein Sammelsurium – als seien sie von allen möglichen anderen Krankheiten geborgt. Es gibt keine zwei gleichen Krankheitsbilder. Jeder Betroffene ist ein bisschen anders. Das reicht von Grauem Star über Schädigungen des Gehirns und des Zentralnervensystems bis hin zu Muskelschwäche und Niereninsuffizienz, wobei zwischen den Jungen immer wieder gewisse Ähnlichkeiten bestehen.

Am ersten Tag des Treffens, bei dem es erst einmal um organisatorische Dinge ging, lernte ich Ronny kennen. Während die Erwachsenen tagten, spielte er vergnügt und ausdauernd in der aufgebauten „Kuschelecke“ mit den Lichtern einer Lampenkette.

Für den zweiten Tag waren Spezialisten eingeladen, die Aspekte der Krankheiten näher erklärten . Kristin Brandt von der Universität Hamburg sprach über die Genetik dieser Krankheit. So lernte ich, dass sie praktisch nur bei Jungen auftritt. Beim Lowe-Syndrom ist das X-Chromosom defekt. Während Mädchen normalerweise noch ein zweites funktionierendes X-Chromosom besitzen, weshalb sie keine Symptome zeigen, aber durch Vererbung die Krankheit weitergeben können, tritt sie bei Jungen voll zutage.
Leider ist das Lowe-Syndrom, wie auch viele andere der weniger bekannten oder seltenen Krankheiten, nicht interessant für die Pharmaindustrie. So wurden jetzt z.B. auch der Uniklinik Hamburg die Gelder zur Forschung am Lowe-Syndrom gestrichen. Außerdem gibt es wenig Förderung für die Selbsthilfegruppen bzw. Vereine, weswegen sie für Unterstützung jeder Art dankbar sind, sei es eine Geldspende oder eine Aktion.

Frau Dr. John referierte zur Zahnhygiene. Oftmals brechen die zweiten Zähne schon durch, wenn die Milchzähne noch nicht ausgefallen sind. Dadurch entstehen Fehlstellungen, die eine gründliche Zahnhygiene nötig und besonders schwierig machen.

Das Orthopädische Zentrum der Uniklinik Dresden folgte nicht der Einladung.

Dr. Manuel Armayones Ruiz erklärte die Vorzüge eines europäischen Netzwerkes und warb für den Beitritt zum europäischen Verein. Der Austausch von Erfahrungen und Informationen über eine gemeinsame europäische Plattform ist leichter sowohl für betroffene Familien als auch für forschende und behandelnde Ärzte, die oft weniger über die Krankheit wissen, als die Familien, die 24 Stunden am Tag damit leben.

Der anschließende kleine Rundgang durch das Stadtzentrum war sicher nicht nur für den spanischen Gast interessant. Am Neustädter Markt vor der Frauenkirche war ein Flügel aufgebaut worden, dessen Klängen vor allem die Kinder hingebungsvoll lauschten…

Ich wurde herzlich von den Familien, die aus der Schweiz, aus Österreich und aus ganz Deutschland gekommen waren, aufgenommen und fühlte mich sehr wohl in ihrer Mitte.

Die Kinder, obwohl manchmal etwas eigenwillig, sind sehr verspielt, liebenswert und auch liebebedürftig und verschmust.

Diesen Kindern und deren Familien zu helfen, ist Anliegen des Vereins. Um dies in Zukunft noch effektiver tun zu können, wird perspektivisch das Hauptaugenmerk auf dem Beitritt zur europäischen Lowe-Syndrom-Vereinigung liegen, denn nur gemeinsam sind wir stark. Mit diesem europäischen Verein soll die Forschungsarbeit zum Lowe-Syndrom vorangebracht werden und damit letztendlich eine bessere Lebensqualität der Lowe-Syndrom Jungen und ihrer Familien in der Zukunft abgesichert werden. Dies geschieht alles unter dem Motto „I Lowe You“.

Karengajda

Denk an mich (Karengajda)

Texto original en español en mundospropios.com

Erzählung von  Ricardo Gálvez

 

“Denk an mich, wenn du küsst,

denk auch an mich, wenn du weinst”.

Ich hörte dieses Lied in einer Kneipe dort in Guatemala. Es war einer dieser Orte, die es in den Tropen im Überfluss gibt und die alle Art von Leuten und von unglücklichen Seelen aufnehmen, die durch das Leben gehen, um irgendetwas Unvollendetes, Namenloses zu suchen. Die vier Wände waren mit den verschiedensten Postern und einigen Bier-Reklameschildern bedeckt. Auf dem erdigen Fußboden standen Holzbänke und –tische. Das Licht schwach und wie kränklich, rauchbedeckt; und im Hintergrund des Raumes etwas, das man die Bar nennen könnte, die von einer nicht mehr jungen Frau bedient wurde. An einer der Wände lehnte die Musikbox, von der wie fremde Luft die Noten dieser Melodie ausgingen, die mich unverzüglich an einen anderen Ort und in eine andere Zeit meines Lebens versetzte.

Das Jahr, in dem ich am Gymnasium begann, war für mich ein begnadetes Jahr. Bei allen Schreckensvisionen, die mir danach kommen würden, diese Zeit hinterließ einen Geschmack nach Weib zwischen den Lippen. In den Händen kann ich immer noch dieses Beben des Anfängers spüren, der sich an eine fremde Haut klammert, und das Verlangen kehrt zurück, um sich in jeder Faser meines Körpers festzusetzen, der jetzt in der Abwesenheit gefangen war. Sie hieß Mirna. Sie war das Produkt einer Krise, die sich in meinem Land zuspitzte und die Stück für Stück ihre Zeichen des Schmerzes und des Todes in den ländlichen Gebieten setzte. Dem bewaffneten Konflikt geschuldet hatte ein großer Teil dieser Bevölkerung in die Hauptstadt emigrieren müssen, nur mit dem, was man am Leibe trug. Die einzige Hoffnung für viele junge Leute war, wenn man das Hoffnung nennen konnte, sich in die Reihen der Armee einzugliedern und zu überleben, oder sich in die Eroberung des amerikanischen Traumes zu werfen, was in diesen Zeiten durch die steigenden Kosten der Verantwortlichen bei der Realisierung schon schwieriger zu werden begann. So erschien Mirna. Eine Frau von circa 30 Jahren, die vor dem Krieg fliehend hier angekommen war. Sie war eine schöne Frau. Sie besaß den Zauber des Abends im Laubwerk und der Anblick ihrer Wimpern, die zwei von warmem, weizengoldenem Sonnenlicht eingehüllte Augen krönten, nahm mich plötzlich gefangen. Ihre halbgeöffneten Lippen erschienen im Zentrum meiner Jugendlichkeit mit der Kraft von zwei roten Wirbelstürmen, die jeden einzelnen Sekundenbruchteil mit Blut und intensivem Pochen füllten. Als ich sie das erste Mal sah, trug sie ein schlichtes rotes Kleid, das mit Kraft den Glanz ihres langen schwarzen Haares reflektierte und ihre weiße Haut betonte. Sie war eine unerreichbare Sonne. Sie und ihr Mann nahmen Quartier in einem der Zimmer des Gasthauses, in dem auch wir seit Jahren wohnten. Das Gasthaus war ein riesiges Grundstück – Eigentum von einigen Türken – auf dem diese einige Blöcke mit Zimmern von 25 Quadratmetern erbaut hatten. Viele Jahre vorher war es als Unterkunft genutzt worden für die Angestellten eines riesigen Warenhauses, welches ebenfalls Eigentum der Türken war. Und auch die Kaffeepflücker der benachbarten Farmen waren für die Zeit der Ernte dort geblieben. Nun beherbergte es ganze Familien, die dort ständig wohnten und wo mein Vater viele Träume baute und meine Mutter meine kleine Schwester zur Welt bringen sollte.

 

Reynaldo, Mirnas Ehemann, war Mitglied der Armee und arbeitete als Kurier im Militärkrankenhaus. Er war klein, dunkel, etwas stämmig und hatte kurzes schwarzes Haar, und immer bei allem einen finsteren Blick. Ich glaube, dass die Erfahrung des Krieges sein Misstrauen hatte wachsen lassen, was er sehr gut verbarg, so dass er immer lächelte und er zeigte sich als Witzbold, was ihn noch unberechenbarer und gefährlicher machte. In Wirklichkeit hatten wir Angst vor all diesen Leuten, die aus dem Landesinneren zum Gasthaus kamen. Es waren merkwürdige Menschen und die meisten standen den unheilbringenden Sicherheitskörpern und den zugehörigen Organisationen des sogenannten ORDEN nahe, was als Beginn der schrecklichen berüchtigten Todesschwadronen angesehen werden konnte. Das Zimmer des Paares ging nach vorn auf eine Art Mauer, die als Schutz diente, um nicht auf einen Steilhang herunterzufallen, der durch Niveau-Unterschiede gebildet wurde, und wo ein Materiallager des Bildungsministeriums untergebracht war. Ich wohnte zusammen mit meinen Eltern und meinen Geschwistern gegenüber der Waschanlage im ersten Zimmer des Blockes, der senkrecht direkt auf den Gang des Blockes mit den Räumen der neuen Nachbarn ging. Sie wohnten in einem der Zimmer fast in der Mitte des Blocks, und um zu den Waschplätzen, Toiletten und Gemeinschaftsduschen zu gelangen, die sich an jeder Ecke ihres Blockes befanden, mussten sie sich durch einen engen Gang in die Richtung bewegen, wo ich mich den größten Teil meiner Zeit an den Morgen aufhielt, mit anderen Worten – vor meinem Zimmer. Mein Vater war Arbeiter und arbeitete seit Jahren in einer Textilfabrik, aber er hatte auch eine Art Tischlerwerkstatt, in der mein Bruder und ich manchmal mithalfen. In Wirklichkeit war die Werkstatt nicht mehr als eine große Arbeitsbank, die sich in einer Art Korridor befand, der aus jedem Block hervorragte, aber aus irgendeinem Grund wurde er in dem Block, in dem sich das Zimmer der Familie befand, von den Nachbarn als Hof genutzt. Dort, auf dieser Bank bearbeiteten wir einige lange Leisten aus Zedernholz, die wir danach in Stücke schnitten. Daraus machten wir Rahmen für Fotos oder andere Bilder, die meine Eltern später auf den Märkten verkauften.

Es vergingen nicht viele Tage, bis ich Kontakt mit dem Paar hatte. Sie waren neugierig und gezwungenermaßen mussten sie sich meinem Platz nähern. Reynaldo zögerte nicht, einige Worte mit mir zu wechseln, war ich es doch, der die meiste Zeit an der Bank verbrachte, da mein Bruder schon begonnen hatte, in einem Fotostudio zu arbeiten, wo er Negative retuschierte. Diese Aufgabe erledigte er am Anfang zu Hause, aber zunehmend nahm sie mehr Zeit in Anspruch, bis er mich schließlich allein ließ, denn er musste zum Studio, um dort zu arbeiten. Diese ersten Kontakte beschränkten sich auf ein „Guten Tag!“, „Wie läuft die Arbeit?“, „Bezahlt dich dein Vater gut?“ und fast alles von Seiten Reynaldos, während sie direkt zum Duschhäuschen ging oder sie verweilte an den Waschplätzen, um ein bisschen Wasser zu holen oder etwas zu waschen. Ich sah sie mit Diskretion an, konnte die Linien ihres Körpers unter der Kleidung erahnen, und das erregte mich, machte mich nervös. Als sie frisch geduscht an mir vorbeiging, breitete sich überall der Duft frischer Haut aus und ich atmete kräftig ein, wie um sie aufzusaugen, sie zu besitzen in dieser Absorption, die mich zu unbekannten Orten brachte. Und es wurde dauerhaft und ersehnt an meinen Morgen. Oder die Blicke von meinem Arbeitsplatz aus, die den Korridor bis zur ihr durcheilten. Vor ihrem Zimmer ließ sie die feuchte Kleidung über der Mauer trocknen. Im Institut blieb sie auch nicht unbedacht, sie war mir allgegenwärtig und die Nachmittage zogen sich ewig hin. Ich sah sie dort, zwischen diesen Sachen der Studenten, diesen Zahlen und Logarithmen und Wirtschaftssystemen und Pausen. In all diesem, das mir so nichtig und unbedeutend erschien, unerträglich bei der Erinnerung an ihre Brüste unter der weißen Bluse, die sie an diesem Morgen trug.

Sie begann, sich meiner Blicke bewusst zu werden und der Nervosität, die ihre Anwesenheit bei mir provozierte. An einem dieser Morgen, während sie ihre Wäsche wusch und ich sie aufmerksam beobachtete, drehte sie sich langsam zu mir um, und aus irgendeinem merkwürdigen Grund lächelte sie mich an. Sie legte ihre feuchte und frisch gewaschene Kleidung in eine Schüssel und zog sich bis zu ihrem Zimmer zurück, um die Wäsche aufzuhängen. Ich verbarg das Gesicht. Ich war beschämt und wusste sehr gut, warum. Später, in den folgenden Tagen, löste sich alles. Die Häufigkeit, mit der sich unsere Blicke trafen, wuchs jedes Mal an, und mein Bedürfnis, sie in irgendeinem Millimeter des kleinen Sektors zu treffen, in dem wir uns bewegten, wurde unendlich. Sie spürte es. Sah mich an. Lächelte. Bis ich eines Nachts, als ich von der Straße zurückkehrte, sie beim Wäsche waschen antraf. Sie drehte sich ein wenig verwundert um, nicht erschrocken, und als sie mich sah, lächelte sie. Ich wusste, dass Reynaldo nicht auf seinem Zimmer war, weil ich ihn um die gleiche Stunde hatte gehen sehen, wie an jedem Tag in dieser Woche, und ich folgerte, dass er in der Nacht arbeiten musste. Der Ort, wo wir uns trafen, vor dem Zimmer der Familie, war nur schwach beleuchtet durch einen Reflektor von mittlerer Stärke, der an einem Pfahl etwas abseits vom Waschplatz angebracht war, und die überstehenden Teile der Duralitplatten, die das Dach bildeten, ließen den Ort, an dem sie wusch, im Dunkeln. Ich war ein Teenager, aber stark. Ich näherte mich ihr entschieden und meine Arme umschlangen sie. Ich konnte ihre Atmung dicht an der meinen spüren, während ich sie küsste. Meine Finger verwandelten sich bald in wundersame Amulette und Komplizen meiner Wünsche, und erforschten gierig die verborgenen Orte ihres Körpers unter der Bluse und dem Rock. Sie hielt mich zurück und sagte: „Wir werden uns lieben, aber erzähle es nicht deinen Freunden.“ Ich antwortete nicht, und ich tauchte in das Paradies ihres Duftes und ihres Körpers ein.

Die Tage, die auf diese Nacht folgten, waren wunderschön. Ich lernte, spielte mit ihr und wuchs. Ich lief wie auf Wolken. Meine Mutter argwöhnte etwas, aber sie schwieg. Schon immer waren wir Komplizen. Wir waren glücklich und alles koordinierte sich über die Stundenpläne. Ich hätte in dieser Zeit bleiben und sterben sollen. Ich hätte dort zwischen ihren Schenkeln bleiben sollen, für immer. Ich hätte die Richtung des Unwetters ändern sollen, das sich mir näherte. Aber das Leben ist das Leben, sagten die Großeltern. Ich hätte in dieser Melodie „Denke an mich, wenn du küsst, wenn du weinst, denke auch an mich“ verweilen sollen, die aus einem fernen Radio tönte, während wir uns liebten und die Gefahr herausforderten. Mein Vater liebte meinen Bruder unendlich, immer bevorzugte er ihn. Als wir ihn aus einer Betonplatte in einer von der Hauptstadt entfernten Zone holten, sah ich ihn fassungslos, und während der Beerdigung sah ich ihn weinen wie einen verlorenen Jungen, und ich hörte ihn mit Gott sprechen, ihn um Erklärung für das Vorgefallene bittend, ein Bild, das sich Jahre später wiederholte, als der andere meiner älteren Brüder ermordet wurde. Mirna und ihr Mann gingen in den folgenden Monaten. Die Dinge lagen auch für sie nicht so gut, und es war gefährlich, weil die urbane Bewegung sie schon entdeckt hatte.

Jetzt ist es windig. Ich fühle den Wind zwischen den Tischen herumstreichen. Es gibt draußen Lärm und es scheint mir ein Vogel zu sein. Die Vögel singen in der Nacht, und sie tun es, weil sie Prophezeiungen haben. Die vom Morgen kündigen den Tod an. Zwischen meinen Fingern beginnt sich eine Spirale aus Rauch zu erheben, um sich dann in der Laune des Windes aufzulösen.

Übersetzung: Karen Gajda

Gesang an Guatemala (karengajda)

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Gedicht von Ricardo Gálvez

Geruch nach einfacher Erde über meinem Durst von Jahrhunderten,
über meinem gegenwärtigen Durst entfesselt sich der Regen,
die nächtlichen Vögel sind Stimmen der Vergangenheit,
die den Zauber der zeitlosen Erinnerung besitzen.

Die Blumen auf den Feldern befeuchten ihre Pinsel,
um das Leinen zu färben mit bunten Küssen,
ihre Blätter aus Seide werden die warmen Böden sein,
wo die Schmetterlinge vom Nektar träumen.

Diese göttliche Erde der grünen Weissagungen
wird morgen mir anbieten ihre Zitzen des Berges
und mein Gesang ohne Kurs wird die Zeichen finden,
dort wo die Zentauren des Traumes traben.

Das Beben des Taues nach dem Platzregen,
wird kleine Pupillen aus Sternen freisetzen
und die trockenen Stätten werden zu Liedern,
die feiern das Wunder der Ähre, die geboren wird.

Guatemala, das du umarmst meine heimlichen Spuren,
ohne zu fragen nach dem Namen all meiner Sorgen,
mein Gesang des wilden verbannten Torogoz
bittet nur um deinen Busen von Schlegeln und Cenoten.

Er bittet nur um deine grüne Glocke der Zärtlichkeit,
sich verdoppelnd durch die auf der Erde verlorenen Schritte;
lass, daß ich dir singe, Prinzessin aus Smaragd,
dass ich meine Verse gieße über deine dunkle Haut.

Übersetzung: Karen Gajda

Deine Stimme (karengajda)

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Erzählung von Ricardo Gálvez

Wieder deine Stimme am Telefon. Und sie klingt mir fantastisch und fern zugleich. Die Erinnerung ereilt mich wie der Mittelpunkt einer Linse und sie sinkt in jeden Winkel des Hauses, das ich bewohne, langsam, bis es mich am Ufer eines Flusses findet, in dem Tausende von Toten wohnen. Dort kauere ich mich zusammen, um zu warten, dass die Akzente des Ostens in die Nacht eindringen, in meine jedes Mal weniger dunkle Nacht. Ich will mich dir durch die Lichter nähern, die schlaflos in diesem Hof der Tropen wandeln. Von fern höre ich die Grillen mit Traurigkeit von den jüngsten Regenfällen singen, die Dörfer verwüsteten und eine Marke von Hunger ließen, tiefer als der Tod selbst. Die Sterne, hoch oben, schlängeln sich und spielen mit dem Laster, Versprechungen zu tauschen, während eine Schaluppe zwischen Schatten wasserabwärts fährt. Der Wind, immer der Wind, Hüter der eiskalten Schläge des Nordwinds, verweilt und trocknet manchen Fluss, den mein Antlitz gebar.

Du kommst jede Nacht für fünfzehn Minuten, und alles entflammt. Die Feuchtigkeit der Erde, die vorher meine Brust besetzt, verwandelt sich, und beim Kontakt mit der in jedem Wort eingeschlossenen Wärme löst sie sich in diesen fünfzehn Minuten. Es wird eine fremdartige Blume geboren, die den Altar in einen Ort wandelt, der sie wiegt, und es ist derselbe, der ein und tausendmal durch den Zorn eines Zyklus von Krieg und Schreien zerstört wurde. Deine Stimme, wie ein Leuchtturm, wie der winzigste und genaue Raum, den meine Zeit einnimmt, sie verwebt sich mit jeder Spur des Schattens und lässt meinen Glauben zu einem wahren Licht wachsen. Du kommst warm mit ihr, mit deiner Stimme, welche die Gründe des Weizens vorhersagt und das Lachen birst in meinem Mund. Deine winzige Stimme, und gigantisch zugleich, wenn sie an meinen Lippen anlegt und die Furien schweigen lässt, von ihnen aufgewühlt.

Bleib noch ein Weilchen. Werde ewig und lass diesen von den Schatten umarmten Platz sein Imperium von Brot und Faust zurückerobern, geflochten in eine Legende, die von Blumen spricht, die aus der Brust von riesigen Kämpfern sprossen. Schreibe deine Geschichte in mir, lass mich der Raum sein, der den Traummolch beherbergt, deines Traumes, der jetzt im Nebel eines Anrufes von fünfzehn Minuten wandert, jeden Tag, alle Tage, wie ein Versprechen der Haut, die begrenzt durch Meilen von Kälte, Versprechen, das manchmal schon Abwesenheit scheint. Verweile heute ein bisschen länger und lass die Erinnerung ihr Objektiv schärfen, um für immer das Beben deiner Lippen in mein Gedächtnis zu prägen, das durch deine Stimme jeden Tag für fünfzehn Minuten kommt.

Deine Stimme, feuchtes Moos, erfrischendes Dickicht
von Bergen und Seen, Horizont der Küsse
gelöst in Worten und winzigem Säuseln
im neuen Universum der Liebe ohne Distanzen.

Deine Stimme, weiße Taube, überlaufende Zärtlichkeit
der Kaffeesträucher und Triller, Eitelkeit von Liebkosungen,
am Ufer  meines dunklen Strandes gelassen,
wo die Lippen die Traurigkeit entblättern möchten.

Deine Stimme, schwarzer Feuerstein, müdes Rasseln
von Vulkanen und Felsen, mythologische Schritte,
welche die Wege meiner rauhen Karten kreuzen,
wo die Hände die Leidenschaften entschlüsseln wollen.

Die Skulptur des Windes fragt sich nicht, wo
der harmonische Schwung ihres Herzschlags beginnt,
weil sie von der überflutenden Magie des Ostens weiß,
die mit dem Abend kommt, um sie mit Küssen zu bedecken.

Übersetzung:  Karen Gajda

Reite, Herz (karengajda)

 

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Erzählung von Ricardo Gálvez

In diesem ermattenden Blau, das in die Nacht mündet, habe ich gelernt, dich zu sehen, und dich in der Luft zu spüren, die sich am Schatten entzündet, Stück für Stück. Und dass eine sterbende Sonne, die schwach auf den Steinen bricht, auch die Erinnerung ist, die wiederkehrt. Sie streift hier herum, verstrickt mich und läßt diesen Ort die Form des Heims annehmen. Die nahen Straßenbahnen explodieren in Blicken und prägen ihren eisernen Kuss in die schwarzen Schienen, während das Leben, aufgewühlt, unentschlossen, die Straße überquert, nachdem ein grünes Licht seinen Marsch anzeigt. Und du bist inmitten dieser Gesichter, immer du und die unendliche Güte der Küsse, welche die ewigen Geheimnisse zerstören. Du bist an diesem Ort, der genau wie meine Erde, eine Geschichte aus Blut hat.

Bei der Erinnerung an meinen Winter höre ich ein ständiges Jammern des Regens auf den Dächern, und vor mein Auge kehren die Visionen der Wege und Bürgersteige ohne Ziel zurück. Ich verließ das Haus. Wegen des Fehlens einer Standarte, die meinen Ruhm verkünden würde, nahm ich in meinen Händen eine Spur Staub mit, von dem, wie man ihn auf der Straße, in Camps und Gefängnissen findet. Auch ein Versprechen, welches ein Echo einer Stimme war und dein leuchtendes Antlitz auf einem zerknitterten Portrait, das ich eifersüchtig in einer mehr Taschen bewahrte. Ich hatte nicht mehr als das. Ich hatte nicht das Glück, dich jeden Nachmittag zu erwarten, um uns zusammen in dieser Vene des Asphalts zu verlieren. Und so durchlief ich meine Welt, meinen dauerhaften Winter, wo alle Häfen aus Blut waren.

Jetzt bist du dort, inmitten dieser Gesichter, die von der Arbeit heimkehren. Meine Tropen, gefangen in der Erinnerung, suchen noch nach deinen Händen, die sanft über das Antlitz gleiten. Jetzt bin ich in dir verblieben, und das macht mich größer und macht mich zu Fleisch und Knochen, das seine Angst in anderes Fleisch verläßt. Wenn die Nacht hereinkommt, kann ich in dir den Teil finden, der mir fehlt, der sich verirrt hat zwischen den Leichenhallen und den grünen Kaffeesträuchern, und den Gebeten und Tränen. Der Teil, der den Schmerz in jedem Schrei meiner Mutter oder meines Vaters atmete, als sie ihren verwundeten Lebenssaft erblickten. Der Teil, der immer noch die Höfe der Murmeln spielenden Kinder reklamiert, Orte, die sich später in Tod verwandelten. Jetzt bist du hier und ich verliere mich in deinen Lippen.

Übersetzung: Karen Gajda

Der Krieg, ja ( karengajda)

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Erzählung und Gedicht von Ricardo Gálvez

Hast du gehört, Mama? Jemand rennt dort draußen und die Hunde bellen erschreckt, wie toll. Es regnet immer noch und man kann das Gewicht der Stiefel spüren, wenn sie die Pfützen sprengen. Sie klingen dunkel, unheilvoll und kündigen noch mehr Tod an, in diesem Fluss auf der anderen Straßenseite, nahe der Brücke. Hast du gehört?

Du nagst und rutschst aus, heftig, Wurm aus Blut und Schatten, vom Pulver und Phosphor befleckt. Du nagst und Tausende von Schreien und Gesichtern, die schon keine Gesichter mehr sind, lehnen sich hinaus, um ihr konvulsives Imperium von Schüssen an die Schläfen zu säen. Wie Male von Zigaretten, wie Steinplatten in Sälen, in denen man Autopsien abhält. Während in einem anderen Haus, auf der anderen Seite der Nacht, ein Antlitz verblutet und den Schmerz eines ganzen Lebens anhäuft, ohne zu wissen, dass ihm noch so viel Schmerz bevorsteht.

Die Nacht, ja. Schrecklich. Sie hat einen metallischen Geschmack, und das “Puff”, das aus einem niedergeschlagenen Körper entweicht, wenn er unterwegs getreten wird. Hast du es gehört? Hast du den Schrei eines Vaters gehört, der Gott um Gründe bittet? Hast du schon einmal eine Mutter so hassen und an Rache denken sehen? Es gibt nächtliche Wege, welche die Magie bewahren, immer still zu sein und vom Mondschein geküsst zu werden, während an ihren Rändern der Duft nach Blumen und Grün überläuft. Und eines Tages erscheinst du, um Beleidigungen, Klagen und Knochen zu säen. Du verlierst dich im Gewirr der Sträucher, und du beißt dir auf die Lippen, während die Kälte in deinen Händen wohnt. Du bist dort in den von Mythen bevölkerten Dörfern. Du bist genau an jenem Ort, wo der Hass dich anbellen wird, und dann gibt es keinen Ausweg.

poesie

Wie oft hörtest du
dieses Gerücht von Flügeln
über einem erschreckten Dorf,
während alles zu einem Schrei von Blut wurde,
du starbst so oft, dass es dir schon schwerfällt, es zu glauben,
wenn du sagst, dass du
dieses blutende Mädchen zwischen den Blättern siehst.

Wenn die Schatten deine Brust sich tränken lassen,
wenn es passiert,
solltest du dich mit allen Wunden
bis zum Zentrum des Klagens nähern,
und von deinem Wahn von Schrapnellen
und der Zukunft des Schießpulvers,
dich den Antlitzen anbieten, die deine Gegenwart bevölkern.

Wie oft zerbrachst du die Stille,
um Stille und Schrecken
mit Tränen von Müttern zu verschmelzen.
Wie oft,
wie viel teuflisches Lachen,
wie viele Träume schwimmen die Flüsse hinunter,
um dem Tod zu begegnen
den deine Hände halten.

Übersetzung: Karen Gajda

Von El Salvador nach Guatemala

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Texto original en español en  mundospropios.com

Erzählung von Ricardo Gálvez

Ich erinnere mich, dass ich bei meiner Ausreise aus El Salvador nach Guatemala praktisch nichts mitgenommen hatte. Dieses Gefühl von Leichtigkeit war der Beginn eines inneren Befreiungsprozesses, genauer gesagt, ein Verlassen eines Lebens in Einsamkeit ohne Sinn. Dieses Leben, das ungefähr so wie ein makabres Rad verläuft, bei dem sich Elend und Tod, Tod und Elend, wiederholen, und so Jahr um Jahr. Ich trug eine dunkle Brille, um unter anderen einen sehr starken Schlag in mein linkes Auge zu verbergen, das Haar war wirr und die Lippen ausgetrocknet. Vielleicht war es Angst, ich weiß es nicht.

Im „Puerto Bus“, einem Bus-Terminal, das genau diesen Namen trug, begann eine neue Etappe in meinem Leben. Ich verbrachte eine Weile an der Bar, die sich im selben Komplex des Terminals befand. Es war eine ärmliche Umgebung. Ein paar Typen spielten eine Partie Billard und die Bedienung verfolgte aufmerksam eine Telenovela. Ich beendete den Drink, den man mir serviert hatte, um mich in die Schlange des Buseinstiegs einzureihen. So gegen 11 Uhr verließ ich die Station in einem dieser großen Busse, die immer meine große Leidenschaft gewesen waren, als ich noch ein Kind war, und die zwischen San Salvador und Guatemala City pendeln. In dieser Zeit rauchte ich viel, und ich sollte sehr wegen der Abstinenz des Nikotins in meinem Körper leiden. Bedingt durch die langen Strecken, die der Bus zwischen den Stationen absolvierte, konnte ich mir nicht aller 20 Minuten die Dosis einer Zigarette gönnen, da es auch verboten war, drinnen zu rauchen. Die einzige Chance war, die kleine Pause an den Haltestellen zu nutzen. An der Grenze bemerkte man meine Anwesenheit kaum. Überall Gesichter, Verkäuferinnen von Essen und Geldwechsler. Und Betrüger, natürlich.

Als ich in Guatemala City ankam, war das Ambiente das gleiche, das man generell in irgendeiner Autobus-Station in Mittelamerika finden kann. Menschen, die es eilig haben. Menschen, die ihre Habseligkeiten überprüfen, während wir aussteigen und die Wechsler, die uns hastig umringen. Die monotonen Gesänge von Verkäufern rund um die Station, und die Taxifahrer mit ihren misstrauischen Gesichtern in der Hoffnung, eine gute Partie zu finden. Die trübe Atmosphäre durch die Ungewissheit, und ein Geruch nach Urin, der vom sich bereits erwärmenden Asphalt aufsteigt. Kurz, das Leben und sein Treiben. Das Leben mitten im Elend ums Überleben kämpfend. Ich suchte in der Nähe der Station ein Motel oder so etwas in der Art, wo ich die Nacht verbringen konnte, da ich schon am folgenden Tag nach einem anderen Punkte des Landes aufbrechen sollte. Der Terminal befand sich in der Zone 4. Ich begab mich einige hundert Meter weiter in Richtung der benachbarten Zone 9, wo ich ein zwielichtiges Hotel vom Typ Seelenverkäufer fand. Es war ein vierstöckiges Gebäude, in dem ein Chinese mit Chapín-Akzent (Bez. in Lateinamerika f. Guatemalteke, A.d.Ü.) an der Rezeption arbeitete. Er bat mich um einige Daten und mein Geld und übergab mir einen Schlüssel, der die Tür zum Zimmer öffnen und schließen sollte. Ich stieg hinauf, um zu duschen und danach wieder auf die Straße zurückzukehren, um mir eine neue Telefonnummer zu besorgen. Danach versuchte ich, einen Freund zu erreichen, der in einem Dorf in der Nähe eines Hafens am Atlantischen Ozeans arbeitete. Und so verging der Tag, mal hierhin, mal dorthin. Danach kehrte ich in mein Hotel zurück.

Ich war müde. Ich hatte die Nacht wach und die Hälfte des nächsten Tages nur im Bus unterwegs und danach ziellos umherwandernd verbracht. Mir war keine Zeit geblieben, mich zu setzen und über meine aktuelle Situation nachzudenken, da alles sehr schnell gegangen war. Meine Flucht, obschon auch gewollt, war nichts, was ich geplant hatte. Inzwischen war es zehn Uhr nachts. Es war dunkel geworden und der Lärm der Verkäufer draußen hatte abgenommen. Ich beschloss, auf einen Drink auszugehen. Im Foyer des Hotels bat ich einen Angestellten, meinen Notizblock und ein paar Hemden aufzubewahren, die ich in einem Plastebeutel bei mir trug. Er meinte, ich könnte die Sachen ohne Bedenken in meinem Zimmer lassen, worauf ich erwiderte, dass ich schon unten war, und wieder hinaufzugehen wäre ich zu faul. Ich ging hinaus. Die Luft war frisch und umspülte meinen Kopf. Mir gefiel dieses Gefühl. Und es gefällt mir noch immer. Ich lief in Richtung der Station, da ich schon auf dem Weg zum Hotel einige Bars in der Zone wahrgenommen hatte. Und so drang ich leichtsinnig bis in die Nähe des anderen größeren Terminals der Zone 4 vor, wo die Leute sagen, hier erschrickt man, und nicht etwa vor den Toten. Ich hatte so um die dreihundert Dollar in den Taschen und das Gefühl, mit Opfergesicht durch eine rote Zone zu laufen. Ich merkte es jetzt, genau jetzt, als einige Typen, die bei einer Bruchbude versammelt waren, ihre Blicke auf mich richteten, und sich zu bewegen begannen, langsam, sehr langsam, aber sich zu bewegen. Ich lief jetzt zwischen einigen Verkaufsständen, fast im Dunkeln, während etwas Kaltes sich in einer meiner Hände ausstreckte. Ich entschied, die Führung zu übernehmen. Alles passierte innerhalb eines Moments. Später kehrte ich rennend in mein Hotel zurück, um meine Sachen zu holen. Ich hatte Blut am Hemd und in den Schuhen. Ich suchte meinen Körper ab, das Blut war nicht von mir. Rasch reinigte ich mir die Hände und verließ den Ort. In dieser Nacht rannte ich erschrocken wie der Teufel vor dem Weihwasser. Ich lief zwischen Menschen hindurch, die mich ansahen, aber niemand wollte etwas zu tun haben mit einem Typen mit so einer Visage und dem Tod in seinen Händen. Ich erwachte in der Station von LITEGUA und bestieg einen Autobus bis zu diesem Dörfchen, in dem mein Freund arbeitete.

Übersetzung: Karen Gajda

Während des Krieges in El Salvador geraubte Kinder

Texto original en español en gara.naiz.info

 

Von Irunea nach El Salvador, auf der Suche nach ihrer Identität

Blanca Flores kam nach Nafarroa mit dreizehn Jahren. Sie kam zusammen mit der, von der sie immer glaubte, dass es ihre Schwester sei. Aber eines Tages entdeckte sie, dass sie nicht verlassen worden war, wie man sie immer glauben machte, und dass ein Teil ihrer biologischen Familie sie schon seit Jahren in El Salvador suchte. Sie wusste auch, dass ihr wirklicher Name Francisca war und dass sowohl ihre Eltern als auch die von Ana während einer Operation der salvadorianischen Armee in Chalatenango starben.

Ein Bericht von Ainara Lertxundi

Rund 1.000 Kinder wurden aus ihren eigentlichen Familien gerissen, im Rahmen der blutigen Operationen der salvadorianischen Armee gegen die Guerrilla zwischen 1980 und 1992, dem Jahr, in dem die Friedensverträge unterzeichnet wurden. Ihre Eltern wurden in vielen Fällen zusammen mit anderen Familienangehörigen massakriert. Andere überlebten, aber verloren ihre Kinder aus den Augen, gleich selbst von den Soldaten mitgenommen oder in ausländische Familien zur Adoption gegeben, vor allem in die USA, nach Frankreich und Italien, was sich in ein lukratives Geschäft für einige Bereiche der Gesellschaft wandelte.

Blanca Flores, heute erwachsen und Mutter von zwei Kindern, ist Teil dieser verschwundenen Kindheit. Ihre Eltern starben während einer militärischen Operation in Chalatenango, einer der am meisten betroffenen Bezirke zusammen mit San Salvador, San Vicente, Morazán, Usulután, Cabañas, Cuscatlán und La Libertad.

Blanca – ihr wirklicher Name war Francisca – erinnert sich an nichts, weil sie vier Jahre alt war, als das alles passierte. Sie weiß aus Zeugenaussagen von Dritten und von zweien ihrer Brüder, mit denen sie sich treffen konnte, dass ihre Eltern die Flucht getrennt mit ihnen im Arm angetreten hatten und dass sie einen Ort vereinbart hatten, um sich wieder zu vereinen. Sie wusste auch, dass ihre Mutter, auf die mehrere Schüsse abgefeuert wurden, einige Tage später starb. Mehr als tausend Menschen starben und rund 50 Mädchen und Jungen verschwanden als Folge jener Militärintervention, genannt „Operation Säuberung”, am 2. Juni 1982 in Chalatenango. Ein Armee-Hubschrauber brachte sie zum Roten Kreuz, das sie zum Waisenhaus Natalia Simán umleitete, welches von Nonnen geführt wurde. Zusammen mit ihr kamen noch mehr Kinder, unter ihnen Ana, sechs Jahre alt. Beide wurden als Schwestern geführt und so wuchsen sie auf.

„Ich war so klein, dass ich nicht einmal meinen Namen sagen konnte. Ana, die ein bisschen älter war, nannte mich ‚Chica‘, so nennt man die Franciscas in El Salvador. Aber die Nonnen beachteten diese kleine Spur nicht. So schufen sie uns neue Geburtsurkunden mit anderen Identitäten. Ich glaubte immer, ich sei eine Waise. Wenn wir etwas fragten, sagten sie uns ‚das sagt oder fragt man nicht‘. Als ich 13 Jahre alt war, erzählte mir meine Schwester, dass sie ihr gesagt hatten, dass eine Familie sie adoptieren wollte. Ich sagte ihr, dass ich mit ihr gehen will, sie war das Einzige, was ich hatte und ich wollte aus dem Waisenheim herauskommen, an das ich keine angenehmen Erinnerungen bewahrt habe, obwohl es hätte schlechter kommen können, ich hätte als Mädchen auf der Straße enden können, wie es so vielen anderen gegangen ist”, erzählt sie GARA während sie ihren zweiten Sohn im Viertel Errotxapea stillt, wo sie derzeit wohnt. Durch die Adoption von vier alleinstehenden, in die Jahre gekommenen Brüdern, gelangten sie in den Ort Guembe in der Provinz Navarra. Mit den Jahren übertrug Ana auf sie ihren Wunsch und die Notwendigkeit, ihre Herkunft zu hinterfragen. Blanca willigte ein, sie auf dieser Suche zu begleiten, die sich als aufschlussreich erwies.

Bürgerkrieg

Die salvadorianische Organisation Pro-Búsqueda (Pro-Suche, Anm.d.Ü.), 1994 durch den Jesuitenpater Jon Cortina (1934 – 2005) gegründet, um genau all diese verschwundenen Kinder zu suchen, leitete und orientierte sie. In diesem Prozess kamen die DNS-Proben an und man entdeckte, dass sie keine Blutsbande mit Ana verbanden. „Obwohl sie immer meine Schwester sein wird, in jenem Moment war es ein dicker Brocken zu wissen, dass sie es nicht war”, erinnert sie sich.

„Als sie mir sagten, ‚du bist ein Mädchen des Krieges‘, fragte ich, was das sei. Ich wusste absolut nichts über den Krieg in El Salvador. Obwohl ich mich als eine von hier fühle, von Navarra, weiß ich jetzt, dass ich nicht allein bin in der Welt, dass ich eine Familie habe, die mich nicht verlassen hatte. Am Anfang hatte meine Adoptivfamilie, die ich als meine Eltern ansehe, Angst, dass ich nach El Salvador gehen würde. Aber ich habe schon mein Leben hier gemacht, auch wenn es am Anfang nicht leicht war. Als ich ankam, war ich ein bisschen kalt und ziemlich verschlossen. Und immer war ich abhängig von Ana, ich trennte mich nicht von ihr”, fügt sie hinzu.

Dank Pro-Búsqueda traf sie sich in Iruñea mit zwei ihrer Brüder, von zwei französischen Ehepaaren adoptiert und die paradoxerweise einer in der Nähe des anderen aufwuchsen, ohne von der Verwandschaft zu wissen, die sie einte. Eine vierte Schwester, die sie hofft eines Tages kennenzulernen, wohnt in den Vereinigten Staaten.

Die drei reisten nach El Salvador, wo sie einige Cousins und Onkel kennenlernten, die sie seit Jahren suchten, und besuchten das Haus, in dem sie mit ihren Eltern wohnten.

Blanca bedauert, dass keine Fotos von ihnen geblieben sind. Das war ihre erste Frage, als sie ankam. „Einige sagten mir, dass ich meiner Mutter ähnlich sehe, andere meinten, ich käme nach dem Vater. Ich sehnte mich danach, ihnen ein Gesicht geben zu können, doch es sollte nicht sein. Trotzdem, zu wissen, woher du kommst, gibt dir Ruhe und ich habe es geschafft, dieses Kapitel meines Lebens zu schließen”, unterstreicht sie, gleichzeitig ermuntert sie andere Jugendliche, die sich in ihrer Situation befinden und Zweifel haben, Informationen zu suchen und Pró-Búsqueda zu kontaktieren. Von den 921 bis jetzt erhaltenen Anzeigen haben sie mittels DNS-Proben die Identität von 382 Personen ermitteln können.

Verurteilung des Staates

Im Jahr 2005 verurteilte die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte den salvadorianischen Staat wegen des gewaltsamen Verschwindens der Schwestern Erlinda und Ernestina Serrano Cruz.

In einem zweiten Urteil, veröffentlicht am 31. August 2011 und in welchem wiederum der Staat verurteilt wurde, dieses Mal wegen der Trennung der Schwestern Ana Julia und Carmelina Mejía Ramírez, der Geschwister Gregoria Herminia, Serapio Cristian und Julia Inés Contreras und von José Rubén Rivera, stellte das Gericht fest, dass „das Phänomen des erzwungenen Verschwindens von Jungen und Mädchen Teil einer ausgeklügelten Strategie seitens der institutionalisierten Gewalt des Staates war. Die meisten haben zwischen 1980 und 1984 stattgefunden, wobei die höchsten Werte im Jahr 1982 auftraten”. Der Urteilsspruch betont, dass „das Verschwinden Teil einer Strategie zur Aufstandsbekämpfung war, durch den Staat entwickelt, die zum Konzept der ‚Zerstörung von Bevölkerungsgruppen gehörte, die mit der Guerrilla in Verbindung gebracht werden, innerhalb dessen die Trennung von Kindern mit dem Ziel, sie von der feindlichen Bevölkerung zu trennen‘ und ‚sie unter der vom Staat gestützten idiologischen Konzeption zu erziehen‘, immer beliebter wurde. Einige Ex-Soldaten erklärten, dass sie seit 1982 Befehle bekommen hatten, irgendwelche Kinder mitzunehmen, die sie während der Attacke auf feindlichen Positionen fanden”.

Es gibt sogar Zeugnisse, die die Kommission der „Todesflüge” anklagen, im reinen Stil der argentinischen Diktatur – mit Minderjährigen. Ester Alvarenga, Koordinatorin der Organisation Pro-Búsqueda, befragte Soldaten, die am Massaker von Quesera (Dorf im Department Chalatenango, Anm.d.Ü.) teilgenommen haben. „Verschiedene vermutlich reumütige Militärs erzählten mir, wie sie die Kinder aus der Luft in den Fluss Lempa geworfen haben, und vom Ufer aus schossen sie auf ein Boot voller Kinder, die ertranken. Das sind Zeugnisse von Personen, die an den Operationen teilgenommen haben, nicht von Opfern”, betont GARA. Sie selbst wurde mit ihren 14 Jahren Zeuge von ähnlichen Taten, als sie das Massaker im Fluss Sumpul überlebte, Grenze zu Honduras, am 14. Mai 1980, bei dem 600 Personen starben. „Der Fluss führte viel Wasser, weil es Tage vorher viel geregnet hatte. Wir hatten über uns die Helikopter und sowohl die Honduraner als auch die Salvadorianer beschossen uns von der einen und der anderen Seite. Es gab keine Möglichkeit zu entkommen. Ich sah, wie sie die Kinder töteten, wie sie sie aus der Luft herunterwarfen, wie es danach in Quesera passierte”, schließt sie.

„Die Militärs pflegten die Kinder, die sie fingen, weit weg von ihrem Herkunftsort zu bringen, einige behielten die Kinder, während viele an private oder öffentliche Institutionen gebracht wurden. Eine Gruppe von Anwälten sah in ihnen eine verkäufliche Ware, und so begannen sie Adoptionspapiere zu schaffen, die Adoptionsfamilien glauben machend, dass alles in Ordnung war und der fragliche Minderjährige keine Familie hatte oder verlassen worden war. Einige Adoptiveltern dachten, dass die biologische Familie große Geldsummen für die Adoptionsfreigabe ihres Kindes bekam. Andere waren als ‚im Zustand der Verwahrlosung‘ deklariert und man gab ihnen das Etikett ‚Waisen‘. Wir haben es geschafft, etwa 50 dieser Anwälte zu identifizieren”, erklärt Alvarenga.

Als Teil dieser Strategie, „gab es 1983 eine Flexibilisierung des Adoptionsgesetzes. Es bleibt hervorzuheben, dass einer dieser Anwälte in jenem Moment Abgeordneter war. Sie arbeiteten in einem Netzwerk, weil sie Sozialarbeiter hatten, die ihnen die Kinder eines bestimmten Alters brachten, um sie in die USA mitzunehmen. Während des Krieges errichtete man ‚Masthäuser‘ – Waisenhäuser – vor allem von diesen Rechtsanwälten geführt. Mit Beendigung des Konfliktes verschwanden diese ‚Häuser‘”.

desaparecidos en el salvador

Im Jahre 2007 erklärte die Gesetzgebende Salvadorianische Versammlung den 29. März zum Tag der verschwundenen Kindheit durch Schuld des Konfliktes als Antwort auf eine Anfrage des Interamerikanischen Gerichts von 2005 und Ergebnis des Drucks der Familien.

In ihrer fast einsamen Aufgabe, „dieses Puzzle Stück für Stück zu vervollständigen”, zeigte Pro-Búsqueda am 14. März 2011 die erste Ausgrabung eines Massengrabes in Zusammenarbeit mit einem argentinischen Team der forensischen Antropologie an. Es war im Municipio Potonico (Chalatenango). In jenem „Kollektivgrab”, das 10 Körper beinhaltete, fanden sie den von Rafael Pompilio, 12 Jahre, der am 4. März 1981 starb, als eine Bombe auf das Haus fiel, in das er sich mit zumindest drei anderen Kindern zwischen 2 und 14 Jahren und fünf Erwachsenen geflüchtet hatte, von denen vier Frauen waren. Diese Bombardements waren Teil der Militärstrategie, um die Bevölkerung zu lähmen und ihre Flucht zu vermeiden.

Im Jahr 1998 setzte sich die Mutter von Pompilio, die im Moment des Angriffs nicht zu Hause war, mit Pro-Búsqueda in Verbindung, die bis 1994 den Tod von 52 Kindern bescheinigen konnte. „Es ist ein Thema, das nicht angenehm, aber nötig ist, weil die Familien, wenn sie die Fälle vorstellen, es mit der Hoffnung tun, sie am Leben vorzufinden. Aber nicht immer enden die Nachforschungen mit einem glücklichen Ende”, bedauert Alvarenga.

Am 29. Oktober 2010 bat die Regierung von Mauricio Funes im Namen des salvadorianischen Staates um Verzeihung für die gewaltsame Verschwinden von Kindern während des Konfliktes. „Als Opfer fühlte ich, dass diese Rede aus den Gedanken und Gefühlen des Präsidenten geboren wurde. Aber um uns eine seiner Phrasen anzueignen, sagen wir, ‚Verzeihung ohne Wiedergutmachung ist eine doppelte Frustration für die Opfer‘. Nach dieser Entschuldigung gab es nur wenige Maßnahmen, die durchgeführt wurden, was uns sehr beunruhigt. Es gab keine konkreten Initiativen, um all die Schäden auszugleichen, zum Beispiel eine fachärztliche Versorgung für die Opfer. Diese Entschuldigung war sehr bedeutungsvoll für das Land und erfordert daher ein höheres Niveau an Engagement.”

„Der metallische Storch” der Armee

Das Zeugnis von Blanca Flores ist auch Teil der Dokumentation „Der metallische Storch”, geleitet von Joan López Lloret, der mit der Mitarbeit der Reporterin Ana Paola Van Dalen rechnete, die ein Jahr lang mit Pro-Búsqueda gearbeitet hat. Der Film, in El Salvador und Iruñea gedreht, erzählt außerdem die Lebensgeschichten von Ana Lilian Melgar und Ricardo Flores. Nach seiner Veröffentlichung im letzten Filmfestival in Havana, wird er in dem von Guadalajara (Mexiko) vorgestellt werden.

So wie Blanca fanden Ana Lilian, deren Mutter und sechs Geschwister vor ihren Augen in ihrem Haus in Sisiguayo getötet wurden – sie überlebte dank eines Schusses in die Schulter – und Ricardo, von einem Militärangehörigen angenommen, Familienangehörige, Ana Lilian einen Onkel und Ricardo seine Mutter und eine Schwester.   A.L.

TRAILER THE METAL STORY – LA CIGUEÑA METALICA from Meri C Sola on Vimeo.

Übersetzung aus dem Spanischen: Karen Gajda

Originaltext: gara.naiz.info

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