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Erzählung von  Ricardo Gálvez

 

“Denk an mich, wenn du küsst,

denk auch an mich, wenn du weinst”.

Ich hörte dieses Lied in einer Kneipe dort in Guatemala. Es war einer dieser Orte, die es in den Tropen im Überfluss gibt und die alle Art von Leuten und von unglücklichen Seelen aufnehmen, die durch das Leben gehen, um irgendetwas Unvollendetes, Namenloses zu suchen. Die vier Wände waren mit den verschiedensten Postern und einigen Bier-Reklameschildern bedeckt. Auf dem erdigen Fußboden standen Holzbänke und –tische. Das Licht schwach und wie kränklich, rauchbedeckt; und im Hintergrund des Raumes etwas, das man die Bar nennen könnte, die von einer nicht mehr jungen Frau bedient wurde. An einer der Wände lehnte die Musikbox, von der wie fremde Luft die Noten dieser Melodie ausgingen, die mich unverzüglich an einen anderen Ort und in eine andere Zeit meines Lebens versetzte.

Das Jahr, in dem ich am Gymnasium begann, war für mich ein begnadetes Jahr. Bei allen Schreckensvisionen, die mir danach kommen würden, diese Zeit hinterließ einen Geschmack nach Weib zwischen den Lippen. In den Händen kann ich immer noch dieses Beben des Anfängers spüren, der sich an eine fremde Haut klammert, und das Verlangen kehrt zurück, um sich in jeder Faser meines Körpers festzusetzen, der jetzt in der Abwesenheit gefangen war. Sie hieß Mirna. Sie war das Produkt einer Krise, die sich in meinem Land zuspitzte und die Stück für Stück ihre Zeichen des Schmerzes und des Todes in den ländlichen Gebieten setzte. Dem bewaffneten Konflikt geschuldet hatte ein großer Teil dieser Bevölkerung in die Hauptstadt emigrieren müssen, nur mit dem, was man am Leibe trug. Die einzige Hoffnung für viele junge Leute war, wenn man das Hoffnung nennen konnte, sich in die Reihen der Armee einzugliedern und zu überleben, oder sich in die Eroberung des amerikanischen Traumes zu werfen, was in diesen Zeiten durch die steigenden Kosten der Verantwortlichen bei der Realisierung schon schwieriger zu werden begann. So erschien Mirna. Eine Frau von circa 30 Jahren, die vor dem Krieg fliehend hier angekommen war. Sie war eine schöne Frau. Sie besaß den Zauber des Abends im Laubwerk und der Anblick ihrer Wimpern, die zwei von warmem, weizengoldenem Sonnenlicht eingehüllte Augen krönten, nahm mich plötzlich gefangen. Ihre halbgeöffneten Lippen erschienen im Zentrum meiner Jugendlichkeit mit der Kraft von zwei roten Wirbelstürmen, die jeden einzelnen Sekundenbruchteil mit Blut und intensivem Pochen füllten. Als ich sie das erste Mal sah, trug sie ein schlichtes rotes Kleid, das mit Kraft den Glanz ihres langen schwarzen Haares reflektierte und ihre weiße Haut betonte. Sie war eine unerreichbare Sonne. Sie und ihr Mann nahmen Quartier in einem der Zimmer des Gasthauses, in dem auch wir seit Jahren wohnten. Das Gasthaus war ein riesiges Grundstück – Eigentum von einigen Türken – auf dem diese einige Blöcke mit Zimmern von 25 Quadratmetern erbaut hatten. Viele Jahre vorher war es als Unterkunft genutzt worden für die Angestellten eines riesigen Warenhauses, welches ebenfalls Eigentum der Türken war. Und auch die Kaffeepflücker der benachbarten Farmen waren für die Zeit der Ernte dort geblieben. Nun beherbergte es ganze Familien, die dort ständig wohnten und wo mein Vater viele Träume baute und meine Mutter meine kleine Schwester zur Welt bringen sollte.

 

Reynaldo, Mirnas Ehemann, war Mitglied der Armee und arbeitete als Kurier im Militärkrankenhaus. Er war klein, dunkel, etwas stämmig und hatte kurzes schwarzes Haar, und immer bei allem einen finsteren Blick. Ich glaube, dass die Erfahrung des Krieges sein Misstrauen hatte wachsen lassen, was er sehr gut verbarg, so dass er immer lächelte und er zeigte sich als Witzbold, was ihn noch unberechenbarer und gefährlicher machte. In Wirklichkeit hatten wir Angst vor all diesen Leuten, die aus dem Landesinneren zum Gasthaus kamen. Es waren merkwürdige Menschen und die meisten standen den unheilbringenden Sicherheitskörpern und den zugehörigen Organisationen des sogenannten ORDEN nahe, was als Beginn der schrecklichen berüchtigten Todesschwadronen angesehen werden konnte. Das Zimmer des Paares ging nach vorn auf eine Art Mauer, die als Schutz diente, um nicht auf einen Steilhang herunterzufallen, der durch Niveau-Unterschiede gebildet wurde, und wo ein Materiallager des Bildungsministeriums untergebracht war. Ich wohnte zusammen mit meinen Eltern und meinen Geschwistern gegenüber der Waschanlage im ersten Zimmer des Blockes, der senkrecht direkt auf den Gang des Blockes mit den Räumen der neuen Nachbarn ging. Sie wohnten in einem der Zimmer fast in der Mitte des Blocks, und um zu den Waschplätzen, Toiletten und Gemeinschaftsduschen zu gelangen, die sich an jeder Ecke ihres Blockes befanden, mussten sie sich durch einen engen Gang in die Richtung bewegen, wo ich mich den größten Teil meiner Zeit an den Morgen aufhielt, mit anderen Worten – vor meinem Zimmer. Mein Vater war Arbeiter und arbeitete seit Jahren in einer Textilfabrik, aber er hatte auch eine Art Tischlerwerkstatt, in der mein Bruder und ich manchmal mithalfen. In Wirklichkeit war die Werkstatt nicht mehr als eine große Arbeitsbank, die sich in einer Art Korridor befand, der aus jedem Block hervorragte, aber aus irgendeinem Grund wurde er in dem Block, in dem sich das Zimmer der Familie befand, von den Nachbarn als Hof genutzt. Dort, auf dieser Bank bearbeiteten wir einige lange Leisten aus Zedernholz, die wir danach in Stücke schnitten. Daraus machten wir Rahmen für Fotos oder andere Bilder, die meine Eltern später auf den Märkten verkauften.

Es vergingen nicht viele Tage, bis ich Kontakt mit dem Paar hatte. Sie waren neugierig und gezwungenermaßen mussten sie sich meinem Platz nähern. Reynaldo zögerte nicht, einige Worte mit mir zu wechseln, war ich es doch, der die meiste Zeit an der Bank verbrachte, da mein Bruder schon begonnen hatte, in einem Fotostudio zu arbeiten, wo er Negative retuschierte. Diese Aufgabe erledigte er am Anfang zu Hause, aber zunehmend nahm sie mehr Zeit in Anspruch, bis er mich schließlich allein ließ, denn er musste zum Studio, um dort zu arbeiten. Diese ersten Kontakte beschränkten sich auf ein „Guten Tag!“, „Wie läuft die Arbeit?“, „Bezahlt dich dein Vater gut?“ und fast alles von Seiten Reynaldos, während sie direkt zum Duschhäuschen ging oder sie verweilte an den Waschplätzen, um ein bisschen Wasser zu holen oder etwas zu waschen. Ich sah sie mit Diskretion an, konnte die Linien ihres Körpers unter der Kleidung erahnen, und das erregte mich, machte mich nervös. Als sie frisch geduscht an mir vorbeiging, breitete sich überall der Duft frischer Haut aus und ich atmete kräftig ein, wie um sie aufzusaugen, sie zu besitzen in dieser Absorption, die mich zu unbekannten Orten brachte. Und es wurde dauerhaft und ersehnt an meinen Morgen. Oder die Blicke von meinem Arbeitsplatz aus, die den Korridor bis zur ihr durcheilten. Vor ihrem Zimmer ließ sie die feuchte Kleidung über der Mauer trocknen. Im Institut blieb sie auch nicht unbedacht, sie war mir allgegenwärtig und die Nachmittage zogen sich ewig hin. Ich sah sie dort, zwischen diesen Sachen der Studenten, diesen Zahlen und Logarithmen und Wirtschaftssystemen und Pausen. In all diesem, das mir so nichtig und unbedeutend erschien, unerträglich bei der Erinnerung an ihre Brüste unter der weißen Bluse, die sie an diesem Morgen trug.

Sie begann, sich meiner Blicke bewusst zu werden und der Nervosität, die ihre Anwesenheit bei mir provozierte. An einem dieser Morgen, während sie ihre Wäsche wusch und ich sie aufmerksam beobachtete, drehte sie sich langsam zu mir um, und aus irgendeinem merkwürdigen Grund lächelte sie mich an. Sie legte ihre feuchte und frisch gewaschene Kleidung in eine Schüssel und zog sich bis zu ihrem Zimmer zurück, um die Wäsche aufzuhängen. Ich verbarg das Gesicht. Ich war beschämt und wusste sehr gut, warum. Später, in den folgenden Tagen, löste sich alles. Die Häufigkeit, mit der sich unsere Blicke trafen, wuchs jedes Mal an, und mein Bedürfnis, sie in irgendeinem Millimeter des kleinen Sektors zu treffen, in dem wir uns bewegten, wurde unendlich. Sie spürte es. Sah mich an. Lächelte. Bis ich eines Nachts, als ich von der Straße zurückkehrte, sie beim Wäsche waschen antraf. Sie drehte sich ein wenig verwundert um, nicht erschrocken, und als sie mich sah, lächelte sie. Ich wusste, dass Reynaldo nicht auf seinem Zimmer war, weil ich ihn um die gleiche Stunde hatte gehen sehen, wie an jedem Tag in dieser Woche, und ich folgerte, dass er in der Nacht arbeiten musste. Der Ort, wo wir uns trafen, vor dem Zimmer der Familie, war nur schwach beleuchtet durch einen Reflektor von mittlerer Stärke, der an einem Pfahl etwas abseits vom Waschplatz angebracht war, und die überstehenden Teile der Duralitplatten, die das Dach bildeten, ließen den Ort, an dem sie wusch, im Dunkeln. Ich war ein Teenager, aber stark. Ich näherte mich ihr entschieden und meine Arme umschlangen sie. Ich konnte ihre Atmung dicht an der meinen spüren, während ich sie küsste. Meine Finger verwandelten sich bald in wundersame Amulette und Komplizen meiner Wünsche, und erforschten gierig die verborgenen Orte ihres Körpers unter der Bluse und dem Rock. Sie hielt mich zurück und sagte: „Wir werden uns lieben, aber erzähle es nicht deinen Freunden.“ Ich antwortete nicht, und ich tauchte in das Paradies ihres Duftes und ihres Körpers ein.

Die Tage, die auf diese Nacht folgten, waren wunderschön. Ich lernte, spielte mit ihr und wuchs. Ich lief wie auf Wolken. Meine Mutter argwöhnte etwas, aber sie schwieg. Schon immer waren wir Komplizen. Wir waren glücklich und alles koordinierte sich über die Stundenpläne. Ich hätte in dieser Zeit bleiben und sterben sollen. Ich hätte dort zwischen ihren Schenkeln bleiben sollen, für immer. Ich hätte die Richtung des Unwetters ändern sollen, das sich mir näherte. Aber das Leben ist das Leben, sagten die Großeltern. Ich hätte in dieser Melodie „Denke an mich, wenn du küsst, wenn du weinst, denke auch an mich“ verweilen sollen, die aus einem fernen Radio tönte, während wir uns liebten und die Gefahr herausforderten. Mein Vater liebte meinen Bruder unendlich, immer bevorzugte er ihn. Als wir ihn aus einer Betonplatte in einer von der Hauptstadt entfernten Zone holten, sah ich ihn fassungslos, und während der Beerdigung sah ich ihn weinen wie einen verlorenen Jungen, und ich hörte ihn mit Gott sprechen, ihn um Erklärung für das Vorgefallene bittend, ein Bild, das sich Jahre später wiederholte, als der andere meiner älteren Brüder ermordet wurde. Mirna und ihr Mann gingen in den folgenden Monaten. Die Dinge lagen auch für sie nicht so gut, und es war gefährlich, weil die urbane Bewegung sie schon entdeckt hatte.

Jetzt ist es windig. Ich fühle den Wind zwischen den Tischen herumstreichen. Es gibt draußen Lärm und es scheint mir ein Vogel zu sein. Die Vögel singen in der Nacht, und sie tun es, weil sie Prophezeiungen haben. Die vom Morgen kündigen den Tod an. Zwischen meinen Fingern beginnt sich eine Spirale aus Rauch zu erheben, um sich dann in der Laune des Windes aufzulösen.

Übersetzung: Karen Gajda